Lauritz liest: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ oder „Wie mächtig sin ...
Lauritz liest: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ oder „Wie mächtig sind die Medien?“Foto-Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Keine_Bild.jpg?uselang=de
Lauritz liest: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ oder „Wie mächtig sind die Medien?“

Boulevardzeitungen. Man liebt sie. Oder man hasst sie. Eine Meinung aber hat fast jeder. Und das nicht erst seit heute. Schon 1974 veröffentlichte Heinrich Böll eine Erzählung, die sehr intensiv mit einer fiktiven "Zeitung" ins Gericht geht. Jeder wusste, welche gemeint war - und Böll steckte herbe Kritik ein. Hatte er übertrieben?

Tag für Tag sorgen einschlägige Boulevardzeitungen für sensationelle Schlagzeilen. Grausame Verbrechen werden (scheinbar) aufgedeckt, Verdächtige mitunter vorschnell zu Tätern gemacht – und jeder ist bestürzt, ob der unfassbaren Gräueltaten, die da jemand begangen hat.

Viel zu selten wird dabei auch gefragt: Wie geht es eigentlich den Betroffenen, die oft eilfertig zu Unmenschen gemacht und mitunter Opfer von regelrechten Hetzjagden werden?

Auf diese Frage gibt Heinrich Böll mit der Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ eine Antwort. Direkt nach der Veröffentlichung im Jahre 1974 löste das Buch eine Welle der Empörung aus. Vermutlich wäre das heute nicht anders. Denn das Thema ist im Jahr 2013 genauso aktuell wie damals.

Die Verzweiflungstat einer „Terroristenbraut“

Aber gehen wir zurück in die Siebziger Jahre, als "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" gerade erschienen war. Böll musste sich seinerzeit einiges anhören. „Terrorismus-Sympathisant“ wurde er genannt. Sein Buch rechtfertige Gewaltanwendung, attestierte der spätere Bundespräsident Karl Carstens. Warum? Weil in Bölls Geschichte die Protagonistin Katharina Blum einen Reporter der fiktiven ZEITUNG erschießt – nachdem dieser die junge Frau wochenlang verfolgt und in aller Öffentlichkeit verunglimpft hatte.

Die Vorgeschichte zu diesem tragischen Höhepunkt des Buches ist schnell erzählt. Ludwig Götten wird von der Polizei wegen Bankraub und Mord gesucht. Auch ein Reporter der ZEITUNG, Werner Tötges, geht der Sache nach und stößt bei seinen Recherchen auf Katharina Blum. Bald erfährt er, dass der verschwundene Götten mit ihr eine kurze Liebesbeziehung hatte. Für Tötges ein gefundenes Fressen: Er stellt die vollkommen ahnungslose Katharina Blum in seinen Artikeln als „Terroristenbraut“ dar, ja sogar als Mittäterin. Interviews mit Angehörigen werden gefälscht, Worte im Mund umgedreht, sodass in der Öffentlichkeit von Katharina Blum das Bild eines schändlichen Flittchens entsteht. Hassbriefe und Abweisung von ihren Mitmenschen sind die Folge. Dass der Verdacht gegen Götten später aufgegeben wird, interessiert da schon keinen mehr.

Die Repressalien der ZEITUNG gehen weiter, bis sich Katharina Blums Wut in einer Verzweiflungstat entlädt: Unter dem Vorwand eines Interviews lockt sie Tötges in ihre Wohnung und erschießt ihn.

„Ähnlichkeiten mit der Bild-Zeitung sind unvermeidlich“

Das merkt Heinrich Böll im Vorwort des Buches an. Der Untertitel der Erzählung „Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“ zeigt in kritischer Weise mögliche Auswirkungen von reißerischem Journalismus für die Betroffenen.

Was ist Ihre Meinung zu diesem Thema? War und ist die Kritik des Autors gerechtfertigt? Oder haben Reporter, die von ihren Vorgesetzten mit hohen Rücklaufzahlen und Zeitverträgen unter Druck gesetzt werden, keine andere Wahl, als die Masse mit plakativen Artikeln zu füttern?

5 Kommentare

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wize.life-Nutzer
Die Macht der Medien liegt in der Manipulation der öffentlichen Meinung. Die Medien können Politiker stürzen oder in den Himmel loben und können aus unbescholtenen Bürgern Monster machen. Hier kann man als Leser bzw. Zuschauer nur versuchen die Berichterstattung kritisch zu hinterfragen und sich eine Zweit- oder Drittmeinung einzuholen.

Die Medien unterliegen einen gewissen wirtschaftlichen Erfolgsdruck. Was am Ende zählt sind oft nur die Verkaufszahlen bzw. die Einschaltquoten, denn nur so kann die Zeitung oder der Sender wirtschaftlich überleben.

Das Buch "Die verlorenen Ehre der Katharina Blum" hat an Aktualität nichts eingebüßt.
wize.life-Nutzer
Da muss ich Ihnen voll und ganz recht geben. Gerade dieses "hinterfragen" halte ich für sehr wichtig - und zwar in vielen Bereichen des Lebens. Beim täglichen Blick in die Zeitung genauso wie bei meinen Vorlesungen an der Uni.
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wize.life-Nutzer
Leider ist es so , das niemand die gute Wahrheit hören oder lesen will. In diesem Sinn gebe ich Herrn Seltsam recht , das die Menschen das Böse lesen wollen. Das Gute lässt sich nicht verkaufen. Im übrigen lese ich keine BILD . Da halte ich mich lieber an den SPIEGEL oder an die öffentlich - rechtlichen Sender. Bei diesen Medien ist die Wahrscheinlichkeit eines seriösen gut recherchierten Journalismus sehr viel größer als bei der BILD oder anderen Boulevard Blättern.
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wize.life-Nutzer
Schon die Großbuchstaben zeigen, dass Bild etwas für Kurzsichtige ist und wenn der Verstand auch nicht besonders entwickelt ist, hilft dies beim Lesen.
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wize.life-Nutzer
Das Buch über Katharina Blum habe ich damals mit großem Interesse gelesen und das Thema ist heute noch so brisant wie damals! Die Sensationsreporter heißen heute Paparazzi und die Verbreitung von Zeitungsenten geht via Internet um ein Vielfaches schneller!
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