Psychologin erklärt: Warum die Midlife-Crisis eine Chance für uns ist

Mit Ende 40 stecken die meisten mitten drin in der Midlife-Crisis. Job und Partnerschaft stehen auf dem Prüfstand – und plötzlich geht es auch um den Sinn des (eigenen) Lebens. Für die Psychologin Anke Precht ist die Krise in der Lebensmitte trotzdem eine „fantastische Krise“ – weil sie uns die Möglichkeit zum Aufbruch gibt.

Die Midlife-Crisis bietet Frauen und Männer die Chance, ihr Leben nochmal um ...
Die Midlife-Crisis bietet Frauen und Männer die Chance, ihr Leben nochmal umzukrempelnFoto-Quelle: Adobe Stock

Der Manfred fährt jetzt Jaguar und trägt Lederjacke. Die Michaela ernährt sich neuerdings vegan und macht eine Ausbildung zur Kräuter-Pädagogin. Der Tobias trennt sich von seiner Frau. Er hat eine andere – und die ist blonder und jünger. „Midlife-Crisis“ lautet die eher scherzhaft gemeinte Diagnose der Freunde und Verwandten. Tatsächlich aber liegen sie damit genau richtig.

Scheidung, Depression, Burn-out

Seit der Begriff Ende der 1950er-Jahre das erste Mal in der Welt der Psychoanalytik auftauchte, debattiert die Wissenschaft darüber, ob diese Krise überhaupt existiert. Diese Frage ist geklärt. Viele Studien bestätigen mittlerweile, dass das mittlere Alter generell eine krisenanfällige Lebensphase ist, auch wenn die Auswirkungen individuell unterschiedlich sind.

Bahnt sich bei dem einen eine Krise im Beruf an, stellt der andere seine Partnerschaft in Frage. Es gibt Daten, aus denen sich dieser Umbruch deutlich ablesen lässt: Die Zahl der Scheidungen schnellt in diesem Lebensabschnitt in die Höhe, auch Depressionen und Burn-Out treten vermehrt Ende 40 auf.

Neue Studie zur Midlife-Crisis

Wie universell dieses Tief in der Lebensmitte ist, zeigt jetzt eine neue Studie des US-Wissenschaftlers David G. Blanchflower. Der Forscher hat Umfragen zum Thema Glück von 500.000 Menschen und aus 132 Ländern ausgewertet – und daraus eine Glückskurve vermittelt. Diese Kurve verläuft U-förmig. Jüngere Menschen sind in der Regel glücklich. Dieses Gefühl nimmt mit zunehmendem Alter ab bis es im Alter von Ende 40 den Tiefpunkt erreicht. Danach, und das ist die gute Nachricht, steigt die Kurve wieder an.

Tiefpunkt mit 47,2 Jahren erreicht

Diese Kurve gelte weltweit, betont Blanchflower, allerdings gebe es kleine geographische Unterschiede. Bei Menschen aus westlichen Ländern liegt der Tiefpunkt bei durchschnittlich 47,2 Jahren, in Entwicklungsländern bei 48,2 Jahren. Einen Geschlechterunterschied konnte der Wissenschaftler zumindest in Europa nicht ausmachen. Hier sind Männer wie Frauen Ende 40 gleichermaßen unzufrieden. Anders ist die Situation in den USA. Frauen sind dort bereits mit Ende 30 am unglücklichsten, die amerikanischen Männer dagegen erst mit Anfang 50.

Hängt das individuelle Glücksgefühl vom Einkommen ab? Oder vom Beziehungsstatus? Auch diese Fragen hat Blanchflower untersucht und kommt zu einem überraschenden Resultat. Weltweit spielen diese Faktoren offenbar keine messbare Rolle, da das Alter des Tiefpunkts sich nicht verändert. Auch der Verlauf der Kurve bleibt gleich.

Psychologin Anke Precht: "Midlife-Crisis ist Bilanzkrise"

Was aber sind die Gründe für diesen emotionalen Tiefpunkt in der Lebensmitte? „Die Midlife-Crisis ist ein Bilanzkrise wird von der Erkenntnis ausgelöst: Ich werde älter. Und zwar nicht einfach ein weiteres Jahr, wie das ja bei jedem Geburtstag der Fall ist. Sondern ich werde älter, und ich habe nicht mehr unendlich viel Zeit“, sagt die Offenburger Psychologin und Mentaltrainerin Anke Precht im Interview mit wize.life.

Dinge könnten nicht mehr weiter nach hinten geschoben werden, weil es irgendwann kein weiter hinten mehr gebe. „Ich muss also Bilanz ziehen, mein Leben betrachten und mich fragen: Ist das wirklich das, was ich will? Wäre ich mit meinem Leben zufrieden, wenn es morgen vorbei wäre? Wenn die Antwort auch nur ein kleines Nein ist, ist die Midlife-Crisis da.“

Auch Frauen haben Midlife-Crisis

Entgegen vorherrschender Klischees trifft die Midlife Crisis nicht nur Männer. „Diese Krise verschont niemanden“, betont Anke Precht. „Lediglich die Auslöser können unterschiedlich sein. Bei Männern vielleicht die Erfahrung, dass die junge Brünette auf den Flirtversuch genervt reagiert, während sie früher zurückgezwinkert hätte. Oder dass ein gleichaltriger Kollege an einem Herzinfarkt stirbt.“

Bei Frauen sei es häufig der Beginn der Wechseljahre und die damit verbundenen körperlichen Erfahrungen, aber auch, ähnlich wie bei den Männern, die Erkenntnis, dass man als Frau nicht mehr die gleiche Anziehungskraft besitze wie früher.

Chance, das Leben noch einmal umzukrempeln

„Manche Menschen versuchen“, sagt die Psychologin, „die Midlife-Crisis auszutricksen, indem sie sich liften lassen oder sich einen Toyboy zulegen. So kann man sich vormachen, doch noch zu den Jungen gehören. Die Krise ist damit aber nur verschoben, und vor allem auch die große Chance, die in ihr verborgen ist: Das Leben noch einmal richtig umzukrempeln.“

Es geht darum, raten auch andere Psychologen, die Krise als Chance zu begreifen und dem Sturm ins Auge zu blicken. Rückschauen sind erlaubt und wichtig, auch wenn sie zuweilen schmerzhaft sind, dann aber gilt es den Blick nach vorne zu richten. Für Anke Precht ist die Midlife-Crisis eine geradezu „fantastische Krise“. Der Grund: „Die Krise fordert uns auf zu überdenken, was uns wirklich wichtig ist – und was unser Leben sinnvoll macht! Das heißt, sie will von uns, das wir genau nachdenken, was noch Raum bekommen muss in unserem Leben, damit wir eines Tages zufrieden gehen können.“

Es braucht Mut in der Midlife-Crisis

Das mag drastisch klingen, gibt Precht zu, weil der Tod in dem Alter, in dem die Midlife-Crisis auftritt, eigentlich noch gar nicht dran sei. „Aber“, fährt sie fort „wir haben eben, wenn wir Mitte 40 bis 50 sind, nicht mehr unendlich viele Chancen, von vorne anzufangen oder den Kurs zu verändern. Noch geht das, es erfordert Mut, aber genau das ist jetzt dran. Und es ist noch genug Zeit, dem Leben eine neue Richtung zu geben!“

Die Midlife-Crisis ist in jedem Fall eine Chance, seinen Horizont zu erweitern. Und das ist ja ohnehin eine Lebensaufgabe. Wer diese Phase durchgestanden hat, kann sich auf die zweite Lebenshälfte freuen. Nach einiger Zeit nehmen Glücksgefühl und Zufriedenheit wieder zu. Die Menschen sind nun krisenerprobt und dadurch gelassener – und blicken mit Freude auf das, was das Leben noch bringt.

10 Kommentare

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Wer in der Nachkeiegszeit aufgewachsen ist, der weiß die heutige Zeit zu schätzen. meine Frau hat mich mitte 20 kennengelernt und heute sind wir über 50 Jahre verheiratet. Es wäre gelogen zu sagen, alle Jahre waren in Butter, doch meistens bekamen wir uns in die Wolle, wenn die Unruhe von außen in unsere Familie getragen wurde. Doch wir hatten beide gelernt uns zivilisiert zu unterhalten, was einige Mitmenschen oftmals vermissen ließen. Wie heißt es so schön: Freunde kann man sich aussuchen - die Verwandschaft oftmals leider nicht.
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Das Leben ist ein Auf und Ab. Ich bin jetzt mehr als 50 Jahre verheiratet und glaubt mir, bei uns hats schon gekracht zu ganz banalen Anlässen. Aber das ist nun mal so, wenn zwei unterschiedliche Menschen sich zu einer Symbiose entwickeln.
Wir haben uns immer wieder gefunden und darüber in Ruhe diskutiert. Meine kluge Frau gibt mir einen gewissen Auslauf und sie hat auch ihre Freundinnen zum Klönen. Prima, das ist Medizin.
Wer natürlich sich geistig aufgibt und im TV nur noch Telenovelas und anderen Mist zum Tagespensum macht, der macht sich selber kaputt. Und das fördert Unzufriedenheit und Trennung.
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Jeder Mensch strebt in seinem Leben Veränderungen an. Egal ob das im Beruf oder Partnerschaft ist. Im Leben macht man Erfahrungen, lernt dazu. Leben bedeutet nicht Stillstand. Das ist nicht alters abhängig. Darum stört mich der Begriff Midlife-Crisis. Zudem muss eine Veränderung nicht eine Krise sein, sondern ein Weiterentwickeln, mehr Sebstbewusstsein erlangen usw.
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Ja jetzt weis ich mit 47 kommt die Midlife-Crisis. Ich hatte mal eine Bekannte in Australien die sagte mir die MIdlife-Crisis kommt mit 45. Sie selbst wurde allerdings davon verschont. Mit 42 ist sie nach einer Afrika Reise leider verstorben. Ihre Schwester hat mir dann mitgeteilt es war nicht die Midlife-Crisis, sondern Herz-und Nierenversagen. Gibt es überhaupt einen deutschen Namen für diesen Zustand oder ist das auch eine Erfindung aus den USA?
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Hallo Hans-Elmar,
gehst Du heute zu Deinem Hausarzt wegen diesem oder anderem kleinen Gebrechen und erwartest ein behilfliches Wort, dann hörst Du den Arzt sagen: Das ist das Alter, schauen sie sich an, wie rüstige sie in ihrem Alter noch sind! Damit ist man bedient, kein Wunder, daß wir bis 70 und länger arbeiten sollen - als ob das Aussehen etwas mit der persönlichen Leistungsfähigkeit zu tun hätte. Zum Trost höre ich mir das Lied von Dana Winner an. Ich habe noch 1000 Träume! Nur die Kraft neigt sich langsam dem Ende zu.
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Hatte Sissi auch eine Krise?
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Solange man wegen "Selbiger" nicht unbedingt *Psychosomatisch* krank wird ist dies wohl ein normaler "Vorgang" !
Natürlich merkst "Du" ab einem gewissen Alter, dass eben vieles nicht mehr so geht wie in den sogenannten *Sturm und Drang Jahren*
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wize.life-Nutzer
Ich finde in jedem Alter kann man eine Midlife-Crisis bekomme, es liegt an jedem semlbst , was er daraus macht! Hu hu
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Natürlich ist das eine Chance, was denn sonst? "Krise" Höhepunkt oder Wendepunkt einer Konfliktentwicklung, also auch Entscheidung, in welche Richtung es weiter geht.
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